Batumi - Istambul

Das Tagebuch als PDF-Datei

1.      Urlaubstag, 1.8.2009

Im März buchten wir bereits über Internet unsere Flüge: Am 1. August von Frankfurt nach Istanbul, am 2. August von Istanbul nach Batumi und am 28. August von Istanbul nach Frankfurt.

 

Unsere Tochter fährt uns zum Frankfurter Flughafen. Wir fürchten, dass es dem Einchecken nicht klappt, denn wir haben nur ein E-Ticket, d. h. einen Internetausdruck. Aber im Computersystem sind wir registrieret, und wir kommen 20 Uhr gut in Istanbul an. Wir erhalten unser Gepäck heil zurück, also das Tandempaket von 2,50 m Länge und den riesigen Karton, in dem der ganze Hausstand für einen Monat eingepackt ist.

Zunächst klappt auch am Istanbuler Flughafen alles wie am Schnürchen. Wir können schon abends einchecken und bekommen unsere Tickets. Doch das Sperrgepäck sollen wir an einem anderen Terminal abgeben. Dieses Gebäude ist ein Kilometer entfernt und nur über eine schnell befahrene kurvige Straße ohne Fußweg zu erreichen. Nachdem Uwe den Weg vorher abgegangen ist, schreiten wir zur Tat: Wir packen alles auf einen Gepäckwagen, doch nehmen wir damit die Breite eines Autos auf der Straße ein, denn das Tandem lässt sich nur quer auf den Wagen legen. Nun ist die Straße dunkel und unbeleuchtet, mindestens ein Taxi pro Sekunde rast an uns vorbei. Wir sind schweißnass, und das nicht wegen der 24 °C, sondern weil wir um unser Leben fürchten. Endlich erreichen wir das Gebäude mit der Aufschrift „Kagar“ mit Müh und Not. Die Angestellten dort sind sehr freundlich. Aber man nimmt uns das Gepäck nicht ab, denn sonntags ist das Internationale Kagar zu. Inzwischen ist es nämlich 24 Uhr. Die Leute sagen uns, wir sollen erst am Montag fliegen oder das Gepäck per UBS schicken. Wir zeigen unser Schreiben, dass das Tandem angemeldet und bestätigt ist, aber das hilft auch nichts.

Ich muss mich erst mal hinsetzen und ausruhen, denn der Rückweg zum Flughafen über die viel befahrene Straße führt nun bergauf, und ich habe einen Horror davor. Aber irgendwie schaffen wir auch den Rückweg. Um wieder ins Flughafengebäude zu kommen, werden wir erneut kontrolliert und alles wird durchleuchtet. Gegen Uwes Argumente wird das Tandempaket, in dem alle eine Matratze vermuten, in den Durchleuchtungsapparat gedrückt. Es bleibt drin hängen. Eine Schlange Leute steht inzwischen drängelnd hinter uns. Die Angestellten sind aber sehr freundlich und zerren gemeinsam das Rad wieder ans Tageslicht.

Wir sind irgendwie erschöpft, und als wir vor der Toilette zwei Bänke sehen, strecken wir uns aus und schlafen recht gut ein paar Stunden lang. Um das Gepäck brauchen wir keine Angst zu haben, der Sicherheitsdienst sitzt gleich um die Ecke.

2.      Urlaubstag, 2.8.2009

6 Uhr öffnet der erste Flughafenschalter. Die Angestellte kann uns mit unserem Gepäck nicht helfen und holt den Chef. Nun gibt es lange Diskussionen mit mehreren Leuten. Den Angestellten muss man zu Gute halten, dass sie sich anstrengen und nach einer Lösung suchen (anders als in der Ukaine). Das Tandem wird mehrmals per Handmaß gemessen. Endlich nimmt man uns die zwei Kartons ab. Da sind wir aber froh und gehen in Ruhe frühstücken.

 

Der Flug nach Georgien verläuft angenehm. Wir stellen die Uhren zwei Stunden vor. Der „Internationale Flughafen Batumi“ ist winzig, wir sind um 14 Uhr die letzte Maschine, die an diesem Tag reinkommt. Kinder in Tracht empfangen uns mit Kuchen. Und einen Geldautomaten gibt es auch. Das Tandem wuchte ich durch das Ausgabeloch, wozu ich aufs Laufband steigen muss. Unter den Augen der Angestellten baut Uwe das Tandem in der Flughafenhalle zusammen, ein alter Mann wartet schon auf unsere Einpackpappe.

 

Der Flughafen befindet sich unmittelbar am Schwarzen Meer, so liegen wir schon wenige Minuten später am Strand, sonnen uns und gehen baden. Der Strand besteht aus apfelgroßen aufgeheizten Kieselsteinen, das Liegen darauf ist recht angenehm. Ein paar Kinder und Jugendliche aus dem Dorf spielen Ball, so wie wir das aus unserer Jugend kennen.

 

Kurz vor Sonnenuntergang, die Kühe trotten am Strand entlang bereits zu ihren Höfen, kaufen wir an einem winzigen Kiosk im Dorf Brot, Wurst und Wasser und bauen nach dem Abendbrot unser Igluzelt am Strand auf. Die Häuser sind nicht weit entfernt, aber man sieht uns von dort nicht. Wir schlafen ein beim Rauschen der Wellen.

3.      Urlaubstag, 3.08.2009
(40 km)

 

8 Uhr wecken uns die Kühe, die zur Weide trotten. Nach einem Frühstück am Meer radeln wir die 5 km nach Batumi.

 

Batumi ist eine der kleinsten Städte am Schwarzen Meer, eine Hafenstadt in Georgien, einem der kleinsten der Anrainerstaaten. Die Küstenlinie biegt sich wie ein Angelhaken um eine flache Halbinsel voller Dattelpalmen. Im Norden liegen Hafen, Markt und Bahnhof, Busfahrer hupen, Hausfrauen verkaufen Schmalznudeln, die Kanalisation wird aufgerissen. Im Süden, in der historischen Altstadt, geht es ruhiger zu, in den klassizistischen Häusern sitzt die Verwaltung, Theater und Museen strahlen auch werktags Sonntagsruhe aus. Noch weiter südlich liegen die Strände aus Sand mit mittelgrossen, dunkelgrauen Kieseln.

 

Es gibt drei autonome Republiken in Georgien: Abchasien, Südossetien und eben Adscharien, in dem sich Batumi befindet. Die beiden ersten haben sich nach von Russland unterstützten Bürgerkriegen 1993 beziehungsweise 2008 für unabhängig erklärt und führen heute ein fragiles selbständiges Leben als De-facto-Staaten, die nur von Russland, Nicaragua, Transnistrien und der Hamas-Regierung im Gazastreifen anerkannt werden. Wenn man vom Strand landeinwärts blickt, sieht man die Gipfel des Niederen Kaukasus, geologisch den Alpen ähnlich, also ein im Tertiär aufgeworfenes Faltengebirge, jedoch ohne Gletscher. An den Flanken des Küstengebirges leben Bären, Wölfe, Gämsen, Adler und Steinböcke im Regenwald, der von den vom Meer aufsteigenden Nebeln befeuchtet wird.

 

In Batumi treffen wir einen amerikanischen Radfahrer, der schon monatelang in Europa und nun in Asien unterwegs ist. Er sagt, wir wären die ersten Radfahrer auf seinen letzten 1000 km. Er klagt über viele Berge von Istanbul nach Batumi. Von denen wissen wir noch gar nichts! Auch könnte man nirgendwo zelten, weil sich Dorf an Dorf reiht. Mir wäre lieber, er hätte uns das nicht erzählt.

Nach einem Restaurant-besuch verbringen wir schöne Stunden am Strand mit Sonnen und Baden.

 

16.00 Uhr bewölkt es sich leicht, so entschließen wir uns, den eingeplanten Ruhetag abzukürzen und schon die ersten Höhenmeter hinauf in den Kleinen Kaukasus zu bewältigen.

 

Der Kleine Kaukasus ist ein etwa 600 km langes, von West-Nordwest nach Ost-Südost verlaufendes Gebirge zwischen Schwarzem und Kaspischen Meer und bis zu 120 km breit. Er liegt auf dem Territorium von Georgien, Armenien, der Türkei und Aserbaidschan. Der erste Pass, den wir anpeilen, ist reichlich 2000 m hoch, wir starten bei 00 m.

 

Vorher wechsle ich in einer Bank noch Geld, was überaus kompliziert ist und lange dauert. Wir lassen die Vororte von Batumi hinter uns und radeln durch ein bewaldetes Tal am Fluss entlang. Natürlich geht alles bergauf.

 

Die Straße ist recht gut, der Verkehr mäßig, wir kommen gut voran. Endlich rasten wir unterhalb eines Wasserfalls, der über mächtige Basaltsäulen fließt. Genau davor hat man eine Plattform errichtet für eine Gaststätte, so speisen wir in der spritzenden Gicht. Vom Wasserfall führt ein Rohr in ein kleines Häuschen. Uwe guckt interessiert. Ein alter Mann sperrt das Häuschen auf, drinnen ist eine Getreidemühle, die durch das Wasser angetrieben wird.

 

 

Es dämmert. Zwar reiht sich gerade jetzt Dorf an Dorf, doch wir finden eine Einfahrt zwischen zwei Maisfeldern, wo wir gut Zelten können. Auch ein Brunnen ist nicht weit.

 


  1. Urlaubstag, 04.08.2009 (63 km)

Der Morgen beginnt schlecht: Taschenmesser verloren, Streichhölzer weg. Es gibt keinen Morgenkaffee.

 

Wunderschön ist die Fahrt am steinigen, rauschenden Fluss, der ein enges Tal geschaffen hat. Wir gewinnen durch Wälder radelnd an Höhe. Der Asphalt ist gut, der Verkehr wenig. Wir gelangen immer wieder in kleine Dörfer, wo in winzigen Läden das Notwendigste zu kaufen gibt. Leider geht unsere Schaltung nicht richtig, wahrscheinlich ist sie beim Transport im Flugzeug beschädigt worden. Auch sind uns schon zwei Speichen aus dem neuen Hinterrad gerissen. Und mein linkes Pedal ist locker.

 

Wir kommen an mehreren historischen Steinbrücken aus dem 14. Jahrhundert vorbei, die noch in Benutzung sind. Es kostet schon ein wenig Überwindung, um den Fluss über den schmalen steinernen Bogen ohne Geländer zu überqueren.

Wir rasten bei einer Forellenmaststation, um einen Müsliriegel zu essen. Ein großes Schild weist auf ein Restaurant. Ein Junge lädt uns ins Restaurant ein, wobei er seine in der Schule gelernten Englischkenntnisse und all seinen Charme anwendet. Wir entschließen uns zu einem Kaffee. Der Junge führt uns ins kleinste Restaurant der Welt. Das hat Null Stühle und Null Tische, aber man bringt uns zwei Fußbänke vors Haus. Der Kaffee ist allerdings so stark, dass er fast kein Wasser enthält. Die Mutter bringt dann noch ein kleines Tischchen mit hübscher Tischdecke, etwas Obst und ein paar Bonbons. Der Junge führt erst seinen Hund und dann die Katze vor. Dann rennt er hinters Haus und bringt stolz seinen Rammler an den Ohren baumelnd herbei.

In einem Dorf halten wir, weil uns der Duft von frischem Brot hungrig macht. Der Backofen sieht aus wie ein Fass aus Beton, das von unten mit Holz befeuert wird. Das ganze Fass ist heiß, der Bäcker klatscht die Fladen mit Schwung an die raue Innenwand. Uwe muss lachen, weil der rechte Arm vom Bäcker ohne Haare ist (versenkt). Der Bäcker reicht uns heiße Fladenbrote in der Plastiktüte. Dazu bestellen wir uns nebenan zwei Portionen Wienerwürstchen. Das sind acht Würste! Wir schaffen sie. Die Männer laden Uwe zum Schnaps ein, dass die Wassergläser trinken. Uwe kann sich nur mit Mühe drücken.

 

Wir sehen eine Kabinenbahn und freuen uns, dass es in dieser herrlichen Berggegend doch Tourismus gibt. Doch eine Frau klärt uns auf, dass die Bahn die Einheimischen zu ihrem Dorf befördert, weil es dorthin keine Straße gibt.

 

Viele Tiere sehen wir auf der Straße. Es sind kleine braune magere Kühe, für die es kaum genug zu fressen gibt. Abends treffen wir einen alten Hirten, der grüßt uns mit „Guten Morgen“ und lacht verschmitzt über unser verblüfftes Gesicht.

 

Der Teerbelag endet, hoffentlich nur vorübergehend. Wir zelten wunderbar auf einer nach Kräutern duftenden Wiese am Fluss mit Blick auf die Berge. Vor dem Schlafen gehen wir im Fluss baden.

Urlaubstag, 05.08.2009 (56 km)

Irgendwann, vielleicht vor 40 Jahren, war die Straße mal geteert, jetzt ist sie ein steiniger Feldweg, obwohl sie die Lebensader vieler Dörfer ist. Es verkehren vorwiegend Kleinbusse, die voll gestopft über den Weg schaukeln. Da wir noch dazu bergauf müssen, sind wir die meiste Zeit zu Fuß wandernd unterwegs. Es ist aber eine Wanderung durch eine wunderbare Bergwelt. Alle Leute begegnen uns freundlich. Gestern kamen wir an russisch –orthodoxen Kirchen und Kreuzen vorbei. Heute durchqueren wir muslimische Dörfer mit Moscheen, in den winzigen Verkaufsstellen fehlt der Schnaps.

 

An einer Mineralquelle fassen wir Wasser und wollen uns im Schatten eines Baumes einen Kaffee kochen. Die Fernverkehrsstraße daneben ist sowieso nur ein Waldweg und kaum befahren. Aus dem Kaffee wird nichts, denn das Mineralwasser lässt sich nur zu einer schäumenden übel schmeckenden Flüssigkeit aufbrühen.

 

Drei Kilometer weiter oben, einem Gebirgsdorf mit gigantischer Aussicht auf 1800 m Höhe, kaufen wir uns eine Cola. Die Flasche ist verstaubt, denn die Einheimischen Georgier sind weltweit die größten Colaverweigerer, sie trinken lieber „Limonad“. Cola würde immer gleich schmecken, Limonade dagegen gibt es in vielen Geschmacksarten. Wer nun meint, dass hier im Gebirgsdorf Tourismus herrscht, irrt. Der Laden ist ein zimmergroßer Holzverschlag. Im Wassertrog werden die Joghurtgläser kalt gehalten. Neben ein paar Lebensmittel gibt es auch zwei Kunstlederhandtaschen (wie sie bei uns vor 30 Jahren modern waren) und paar andere interessante Dinge wie Rasierklingen, Radiergummis, Blaupapier, Platten von getrocknetem Apfelmus, gedörrte Pflaumen, Ketten von trocknen Apfelringen und einzeln eingewickelte Kaubonbons. Auf dem mit Wachstuch bedeckten Tisch knetet eine Oma mit dunklen Fingern die Bonbons aus Harz. Sie deutet an, dass die gut für die Zähne seien. Die anderen Leute lachen kauend dazu und haben lauter Zahnlücken.

 

Unvermutet erreichen wir den Pass (2025 m). Wir erkennen ihn nur an der hässlichen Betonsäule. Ein Polizist steht gewichtig davor und inspiziert uns. Er holt sein Handy raus und tut angeberisch, als müsse er anrufen. Brav fotografieren wir ihn.

 

Zwei Männer sitzen vor einem Tischchen mit Souveniren. Das finden wir sehr kurios, da wir an den drei Tage lang keinen einzigen Touristen und fast keinen PKW sahen. Das Klima hier auf dem Berg muss hart sein, denn die Wetterseiten der Holzhäuser sind mit den Blechen von alten Kanistern verkleidet. Die Abfahrt vom Pass ist ein schlechter holpriger Waldweg, uns begegnen nur zwei Autos. Ein Mann mit einem Ochsengespann schleppt Bäume aus dem Wald. Die Felgen werden automatisch gekühlt, weil wir mehrmals durch einen Bach fahren müssen. Das grandiose Berg-panorama, der dichte Wald, die vielen Blumen und hellen Felsen, die Wasserfälle und der rauschende Fluss bilden eine wunderbare Landschaft.

 

Endlich sehen wir ein Dorf mit einer mächtigen Kirche, aber irgendwie fahren wir dran vorbei. Wir sind schon sehr hungrig. Im nächsten Dorf kaufen wir von der Bäckersfrau warmes Brot. Rund um den dreckigen Marktplatz erwerben wir in vier verschieden Läden Bier, Wasser, Wurst und Obst. Das Dorf sieht ganz anders aus als die bisher durchfahrenen. Ein Mann will Uwe unbedingt mit nach Hause nehmen und mit ihm selbst gemachten Wein trinken. Er erzählt uns auf Russisch, dass wir in Armenien seien. Leute beäugen uns misstrauisch. Wir wollen jetzt da weg!

 

In Armenien sind wir natürlich nicht, aber im Bezirk Samzche-Schawachetien, der zu 55 % von Armeniern bewohnt ist. Zwischen den Armeniern und Georgiern gibt es immer wieder Konflikte, und einige Armenier wollen die Unabhängigkeit, andere fühlen sich benachteiligt und reden gar von Völkermord…

Am Flussufer verzehren wir unser Abendbrot, während der Mond wie ein riesiger leuchtender Gasballon orange aufgeht. Überhaupt ist die Dämmerung in Georgien viel kürzer als bei uns und dauert ca. 15 Minuten.

Beim Rauschen des Flusses schlafen wir ein. Es ist eine helle Vollmondnacht, bei der man Bücher lesen und dunkle Schatten werfen kann. Ich bange, ob ich morgen überhaupt Fahrradfahren kann, denn ich habe viele Blasen vom Wandern in den Radsandalen und habe mich außerdem noch schlimm mit der blöden dicken Radhose wund gelaufen.

 

 

 

 

 

 

 

4.      Urlaubstag, 06.08.2009, Hannos Geburtstag (54 km)

Vom Fluss hat man Steine geholt und auf der Straße verteilt, auf der wir nun fahren müssen.

Wir jubeln deshalb nach 10 km, als wir Asphalt erreichen und rasen nach Ahalcihe, der Bezirkshauptstadt. Die Stadt ist als sehenswert auf der Karte eingezeichnet. Wir finden nichts Sehenswertes. Aber es gibt Pflaster für meine geschundenen Füße zu kaufen. Wir essen eine ruderbootförmige käsegefüllte Blätterteigtasche wie alle Leute im Lokal, die auf zu kleinen Tellern serviert wird. Wir machen viele Krümel auf und neben dem Tisch.

Auf dem Markt bieten Bauern alles denkbar Mögliche an, was Stall und Garten hergeben.

 

Wir fahren auf der A-Straße (wie Asienstraße) Richtung Vale. In einem Felsen brüten hunderte Schwalben. Wir flüchten vor der Hitze unter schattige Bäume am Bach. Ein junger Armenier kommt, um mit seiner Frau Heu aufzuladen. Er ist intelligent, hat aber viele Zahnlücken. Er spricht russisch, türkisch und englisch. Er sagt uns, dass er Europa besuchen will, und wir sollen für seine Einladung sorgen.

 

16 Uhr ist es noch immer heiß, weshalb wir uns in Vale eine Melone kaufen. Einstmals war Vale ein schöner Ort mit Parkanlage, Clubhaus, Kino und Theater. Jetzt ist alles vergammelt, dreckig und nur hässlich. Im Plattenbau feuert man zum Fenster hinaus.

 

3 km weiter endet plötzlich die A-Straße. Das heißt, die Asphaltdecke endet. Wir fahren auf einem schmalen steinigen Weg weiter. Im Fluss baden Kinder und johlen, als sie uns sehen. Ein Auto kommt uns entgegen. Der Fahrer bestätigt, dass wir uns auf der A-Strasse Richtung Türkei befinden.

Später überholt uns ein altes Auto. Der Fahrer weist zu einem Hänger oder containerartigen Bauwerk hoch. Sollte das der Grenzaübergang sein? Als wir hochkommen, sehen wir, dass es eine Waldimkerei ist, und der Fahrer ist der Mann der Imkerin. Man winkt uns heran. Es sind Armenier, die miteinander russisch sprechen und auch in der Schule russisch lernen. Man lädt uns ein zu Kaffee, Brot und würzigen Honig. Im Wohnanhänger sind Holzbetten, in denen sollen wir schlafen. Doch wir sagen Dank, verschenken eine Regenplane und verlassen die Imkerei, die in einer wunderbaren Berggegend liegt. Die Armenier haben uns erzählt, dass in Georgien niemand Geld hat, um Urlaub zu machen. Zu Sowjetzeiten war aber der Kleine Kaukasus ein beliebtes Urlaubsziel.

 

Hölzerne Wachtürme und dichter Stacheldrahtzaun kündigen die türkische Grenze an. Am Grenzübergang sind wir die einzigen Kunden. Die Türken begrüßen uns mit Handschlag, messen aber auch Fieber, ob wir nicht die Schweinegrippe haben. Geld können wir hier keines wechseln, aber wir haben noch paar Lire, um Lebensmittel zu kaufen. Bergauf spazieren wir auf asphaltierter Straße ins nächste Dorf. Uwe geht zum Einkaufen in den Laden, dennich will mit meiner kurzen Hose in dieser muslimischen Gegend nicht reingehen. Uwe kommt ohne etwas zu Essen wieder aus dem Geschäft. Das Brot sei alle, und Uwe sagt, er wisse nicht, was er sonst kaufen solle. Es fängt zu regnen an, und dunkel wird’s auch. Bei beginnendem Gewitter bauen wir das Zelt auf und gehen hungrig schlafen.

5.      Urlaubstag, 7.8.2009 (75 km)

Der Ruf des Imam weckt uns, so dass wir schon zeitig losfahren. Nach einigen Kilometern erreichen wir die Kleinstadt Posof, benannt nach dem umliegenden Gebiet namens Posof. Die Läden haben noch längst nicht geöffnet, alles ist wie ausgestorben. Während ich Kaffee koche, läuft Uwe trotzdem mal in den Ort und kommt nach 15 Minuten tatsächlich mit frischem Brot und köstlichen Sesamkringeln zurück. Er hat den Ladenbesitzer heraus geklopft und sogar noch am Geldautomaten Lire bekommen.

 

Nach unserem Frühstück setzt ein starker Gewitterregen ein. Wir stellen uns bei einer Tankstelle unter. Der Mitarbeiter kann deutsch, weil er mal in Deutschland gearbeitet hat, und bringt uns Tee.

 

Von Posof aus radeln wir auf großen Serpentinen 20 km bergauf ins Hochgebirge. Die kahlen Berghänge sind unbewohnt. Ganz, ganz weit untern am Hang ist Posof mit seiner Minarette noch zu sehen. Auf etwa 2000 m Höhe treffen wir auf die streng bewachte Pumpstation der Öl-Pipeline, die ans Mittelmeer führt. Die Soldaten winken uns heran. Ich denke: „O Gott, jetzt geht es los mit Ausweiskontrolle, Gepäckkontrolle und so weiter. Warum nur hat Uwe die Pumpstation fotografiert? Weiß doch jeder, dass das verboten ist!“ Aber die Soldaten sind ganz freundlich, sie bringen uns nur was zu trinken. Als wir uns verabschieden, sagt ein Soldat auf Englisch: „In drei Kilometern bekommen sie Eiswasser.“ Wir müssen über diesen Satz nachdenken, während wir uns mühsam bergauf kämpfen. In etwa drei Kilometern müsste der Pass Ilgardage Cecidi (2540 m) erreicht sein. Wahrscheinlich ist dort eine Gaststätte oder zumindest ein Kiosk, davor steht der landestypische Kühlschrank mit kalten Getränken. Statt des „Eiswassers“ werden wir wohl lieber eine Cola nehmen, eine Zweiliterflasche. Umso länger wir steil bergauf fahren, umso durstiger werden wir. Ein Hütehund hetzt uns zu hohem Tempo. Vielleicht gibt’s am Pass auch frisches Fladenbrot. Wir fahren laut Tacho bereits mehr als drei Kilometer, es gibt nur ein Hirtenzeltlager, nix Eiswasser. Wir kommen uns betrogen vor. Unvermutet finden wir das „Eiswasser“, nämlich einen Brunnen, aus dem eiskaltes Wasser sprudelt. Es ist so kalt, dass es man kaum trinken kann, aber sehr köstlich.

 

Bis zum Pass sind es noch mal drei Kilometer. Oben gibt es außer einem Schild rein gar nichts, so dass wir uns mit Selbstauslöser fotografieren müssen.

 

Schnell rasen wir ins Tal, vorbei an Hirtenlagern. Wir bremsen kaum, damit die Felgen nicht heiß werden. Das erste Haus im Tal ist ein Hotel. Man macht uns etwas zu essen, aber es ist ungemütlich, weil wir die einzigen Gäste im Saal sind. Es sieht draußen nach Regen aus, es donnert schon. Deshalb bleiben wir länger sitzen und lesen. Endlich fahren wir weiter, die Straße ist trocken. Zwei Kilometer später jedoch sehen wir viel Geröll, den der Gewitterregen eben auf die Straße gespült haben muss. Bäche quellen braun über. Hagelberge mit kirschgroßen Körnern liegen am Straßenrand. Der Berg links von uns ist weiß, als wäre er voll Schnee. Wir sind froh, dass wir im Hotel eingekehrt sind.

 

Wir passieren die Ortschaft Damal. Dann steht vor uns eine gewaltige Gewitterfront, aus der es in ca. 40 km Breite im Sekundentakt Blitze schlägt. Ein faszinierendes Naturschauspiel, wenn man das aus einem Auto aus betrachten würde. Aber wir stehen da mitten auf dem kahlen Berghang und spielen Blitzableiter. Freilich sollte man sich in den Straßengraben legen. Aber hallo, wer liegt schon gerne bei strömenden Regen im Straßengraben? Wir pedalieren wie die Besessenen, um irgendeinen Unterschlupft zu finden. Genau, als uns das Gewitter mit einem mächtigen Guss (bei dem man in zwei Sekunden durchnässt ist) erreicht, gelangen wir im „Kahve“ (gesprochen Kachwe) des Dorfes Hanak an. Kahve hat zwei Bedeutungen, erstens der wohlschmeckende türkische Mokka und zweitens das "Kaffehaus", was nicht mit einem Cafe nach europäischen Vorstellungen zu verwechseln ist. Auch wird witzigerweise dort nicht Kaffee, sondern vielmehr Tee getrunken. Das Kaffeehaus ist eine Institution ausschließlich für Männer, "Mann" trifft sich dort, ist unter sich, spielt "tavla" (Backgammon) oder Karten und unterhält sich, außerdem dienen die Kaffeehäuser sozusagen auch als "Arbeitsamt" für Gelegenheitsjobs, wer Tagelöhner - Arbeit zu vergeben hat, findet seine Arbeiter oft im Kahve. Überall in der Türkei gibt es diese Art der Kneipe - keine türkische Frau würde den Laden jemals freiwillig betreten. Einer Touristin wird derartiges Verhalten nachgesehen, ""sie weiß es eben nicht besser". Allerdings verpassen weibliche Urlauber ganz und gar nichts, wenn sie stattdessen lieber ins schöne Bistro oder Lokanta im Nebengebäude gehen, die Kaffeehäuser sind durch die Bank die spärlichsten Etablissements der gesamten Umgebung - durch nahezu blinde Fensterscheiben lässt sich ein Minimum an Einrichtung, wackliges Mobiliar, "gemütliche" Neonbeleuchtung und im Ganzen ein extrem ungepflegtes Ambiente erahnen.

Wir schauen uns in diesem dunklen „Cafe“ um. Die Dielen sind mit Altöl gestrichen und handgroße haben Löcher. Die Stühle sind total verschlissen. Die Wände sind dunkelbraun von Nikotin, ewig wurde schon nicht mehr gekehrt. Zusammengefasst: Es ist richtig dreckig, kalt, stinkig und oberhässlich. Und nun das Kuriose: Das Lokal ist vollbesetzt, man macht extra für uns ein Tischchen frei. Im Laden gegenüber kaufe ich später ein paar Lebensmittel, die wir in der Teestube verzehren. Der reinliche Wirt bringt uns dafür eine Zeitung und sein Messer, dass er vorher noch abwischt.

 

Wir sind auf Sommerhitze eingestellt und haben zu wenig warme Sachen mit, deshalb kaufe ich für Uwe einen Pullover. Dafür muss ich mehrere Geschäfte aufsuchen, denn in der Türkei trägt man üblicherweise Hemd und Sakko.

 

Bei Regen bauen wir auf einem abgeernteten Feld unser Zelt auf, dann kommt doch noch mal die Abendsonne raus, um uns Gute Nacht zu sagen. Es ist kalt, wir hätten Schlafsäcke mitnehmen sollen. Gemeinsam kuscheln wir uns in die einzige Fleecdecke.

6.      Urlaubstag, 08.08.2009, unser 22. Hochzeitstag, 73 km

Ich freue mich über eine schöne Edelsteinkette mit silbernem Spiralenaufhänger, die Uwe mir zum Hochzeit geschenkt.

In Wolken radeln wir nach Ardahan. Ardahan (22 000 Einwohner) liegt 1900 m hoch, man merkt es aber kaum, weil die Stadt auf einem Hochplateau liegt.

Im Zentrum befinden sich die kleinen Geschäfte und vier Lokantas. In allen Lokalen gibt es das Gleiche, nämlich nur Suppe, vielleicht weil es noch vormittags ist. Uwe wählt sich eine Suppe, in der er eine Gulaschsuppe vermutet. Es sind aber Pansen drin. Obwohl Uwe sonst alles andere als wählerisch ist: Diese Suppe gibt er zurück.

Wir drehen drei Runden durch die Geschäftsstrassen. Wir warten nämlich, bis der Stromausfall vorbei ist, dann schreiben wir ein E-Mail an unsere Kinder, damit sie wissen, dass es uns gut geht.

Am Stadtrand hat jedes Haus seine Gänseherde. Endlich verlassen wir das große unbewaldete Plateau und schieben bei starkem Gegenwind 10 km bergauf. Wir kommen an traditionellen fensterlosen Steinhäusern vorbei, die mehr Erdhöhlen gleichen und mit Gras oder Planen abgedeckt sind und oft einen großen fassförmigen Backofen nebenan haben. Die Frauen sind malerisch in lange bunte Kleider gehüllt. Pferde werden gezüchtet. Aber die Menschen hier sind sehr arm.

Endlich liegt Ardahan weit unten zu unseren Füssen. Wir nutzen die Mittagspause oberhalb der Waldgrenze, um Suppe und Kaffe zu kochen und um unser Zelt zu trocknen. Schnell ziehen jedoch Gewitterwolken auf, es nieselt und donnert. Wir verstecken uns bei einigen Felsen unter einer Plane.

Als wir weiterfahren (weiterwandern) hört der Regen auf, doch wir frieren im scharfen Wind. Der Pass Cam Gecidi (2640 m) ist nur durch ein einfaches Blechschild markiert. Wir rasen auf steilen Serpentinen in der Geschwindigkeit mit den Autos abwärts.

Kurz vor Savsat (1000 m) verführt uns ein gutes Hotel und einsetzender Regen zur Einkehr (www.yesilvadisavat.com) und wir essen gut zu Abendbrot. Wir bleiben lange sitzen, waschen auf der Toilette noch Wäsche und putzen Zähne. (In der Türkei ist das Waschbecken meist mit in der Toilette und nicht im Vorraum.) Am Nebentisch sitzen Georgier, die geben uns feinen Whisky aus. Sie besuchen in der Gegend Baudenkmäler, die vor Jahrhunderten von Georgiern gebaut wurden. Ich will noch irgendwas knabbern, Uwe fragt den Wirt nach Nüssen oder Chips. Der Wirt bringt mir Pommes. Logisch: Auf Englisch heißen Pommes ja Chips. Der Hotelbesitzer gibt uns ein Prospekt vom Hotel und bietet uns ein Zimmer an. Doch wir haben schon vor dem Essen gleich um die Ecke am Waldrand eine zum Hotel gehörige Wiese mit Waschraum (=Bach) zu unserem heimlichen Zeltplatz auserkoren.

Die Gäste und der Wirte schauen zu, wie wir mit unseren Stirnlampen bei Nieselregen und stockdunkler Nacht mit unserem Tandem losradeln. Kaum sind wir aus dem Lichtkegel, biegen wir flugs rechts ab, stellen rasch unser Zelt auf und schlafen nach den Bierchen und Whisky hervorragend.

7.      Urlaubstag, 9.8.2009 (83 km)

Uns stört Regen beim Zelten eigentlich wenig. Aber hässlich finden wir es nun, bei Regen das Zelt zusammenzupacken. Der Regen wird stärker, deshalb schlage ich vor, im Hotel zu frühstücken. Ist schon bisschen peinlich, wie wir da ankommen. Der Hotelbesitzer fragt uns, ob wir neben seinem Hotel geschlafen haben. Ich tue so, als verstehe ich sein Englisch nicht.

Gerade wird das Frühstücksbuffet aufgebaut. Wir haben großen Hunger und viel Zeit (es regnet). Während die Hotelgäste nur wenig nehmen und nach 15 Minuten fertig sind, hauen wir richtig rein: zwei Körbchen frisches Weißbrot, Butter, zwei Schalen voll selbst gemachte Erdbeermarmelade (schmeckt auch pur), mindestens zehn dicke Scheiben Schafskäse, eine Menge Tomaten und Gurken, ein ganzes Schüsselchen unscheinbar aussehender köstlicher Oliven, dazu lassen wir uns vier Kaffee und drei Tee bringen. Da auf der Speisekarte bei „Frühstück“ kein Preis steht, fürchten wir nun die Rechnung. Auch hat uns der Wirt schon immer so gemustert. Ich vermute, dass er sauer ist, weil wir auf seinem Grundstück geschlafen, mit unseren Klamotten alles nass gemacht und dann noch so viel gegessen und getrunken haben. Es zeigt sich, dass ich mich gewaltig irre, denn der Wirt verlangt überhaupt kein Geld für das Frühstück.

Drei Kilometer weiter, in Savat, herrscht rege Bautätigkeit und bescheidener Tourismus. Auf dem Hotelprospekt lesen wir, dass es hier die größte Schlucht der Welt gäbe. Das halte ich für übertrieben, aber dann fahren wir ca. 35 km durch einen herrlich felsigen Cannyan mit rauschendem Fluss. Wir sehen einen majestätisch fliegenden Adler, kurz darauf entdeckt Uwe auf einem Felsen das Adlernest mit zwei Jungen. 75 Kilometer fahren wir jetzt schon bergab, daran kann man sich gewöhnen. Plötzlich ein steiler Anstieg! Die Strasse am Fluss muss einem Staudsee weichen, da schickt man uns halt tausend Höhenmeter hoch. Wieder sehen wir Adler. Ob die bleiben, wenn das Tal geflutet wird? Wir erreichen nach einstündigem Schieben einen Picknickplatz, wo Tee und Kekse verkauft werden. Wir wollen uns eine Suppe kochen und holen vom nahen Brunnen Wasser. Am Brunnenhaus ist ein Schwalbennest, aus dem putzige dicke Jungen schauen. Uwe geht nah ans Nest, um sie zu fotografieren. Den Schwalbeneltern gefällt das gar nicht, sie attackieren plötzlich Uwe Kopf. Selbst als Uwe schon neben mir sitzt, kommen sie mehrmals wie Kahmakazieflieger auf ihn zugeschossen und drehen kurz vorher ab. Uwe hat richtig Angst!

Kurz vor Artviv sehen wir die riesige Staumauer, die sich noch im Bau befindet. Artviv liegt an einem Steilhang. Wir sparen uns einen Ausflug in die Stadt und essen an einem Tisch vor einem Laden Abendbrot.

Nun müssen wir einen netten Platz zum Zelten finden. Wir fahren entlang des Flusstales durch fünf Tunnel, die hier „Tünel“ heißen. Trotz Stirnlampen haben wir im Tünel ein unbehagliches Gefühl. Wenn sich von hinten ein LKW nähert, ist das eine Geräuschkulisse, die einen überzeugt, dass man gleich überrollt wird. Wir fahren, so schnell wir können. Trotzdem macht die Fahrt Spaß bis zu dem Punkt, an dem der Rollsplitt beginnt. Der Splitt ist pflaumengroß. Die Autos rasen an uns vorbei und torpedieren uns schmerzhaft mit Steinen. Dann fängt es an zu regnen. Wir fahren zwischen Stausee und Steilhang ohne Aussicht auf eine Zeltmöglichkeit. Zwei große wilde Hunde stürzen sich auf uns, wir wehren uns mit Pfefferspray. Jetzt haben wir es echt satt! Ein einzelnes kleines Haus gegenüber einem Pumpspeicherwerk kommt in Sicht. Auf einem Schild davor steht „Brakfeast“. Sollte man da einkehren können? Wir halten zögerlich, ein Mann winkt uns. Die Wirtsstube ist das Wohnzimmer. Der Wirt heißt Edienne, bei ihm ist es warm. Wir ziehen uns trockne Sachen an, lassen uns immer wieder Tee nachschenken, lesen unsere Bücher. Wir haben nämlich gleich gesehen, dass hinter seinem Haus eine Möglichkeit zum Zelten ist. Der Wirt ist einverstanden, obwohl er uns lieber im Wohnzimmer schlafen lassen will. Mit dem Handy ruft er seine ganze Familie (8 Personen) her. Die bringt Essen mit und fragt uns auf Englisch aus. Wir zeigen unsere Fotos rum. Jetzt sind wir Freunde und dürfen nicht mal den Tee bezahlen.

8.      Urlaubstag, 10.08.2009 (70 km)

 

Wir fahren insgesamt 30 km am malerischen Stausee entlang, leider alles auf Rollsplitt. Kurz vor Borcka ist die Staumauer. In der Stadt herrscht das übliche (männliche) Gedränge vor hunderten winzigen Läden. Wir essen köstliche gefüllte Aubergine. Das Essen in den Lokantas gefällt uns. Man kann sich das Essen anschauen. Auf das, was einem lecker erscheint, zeigt man mit dem Finger. Brot und Wasser in beliebigen Mengen gibt es immer gratis dazu. Als Dessert kaufen wir uns eine Schachtel Konfekt aus getrockneten Feigen und Nüssen, war echt lecker.

Wir radeln an einem schönen Fluss bergauf. Gerade neben einer Teestube eines Dorfes fällt mein linkes Pedal ab. Sofort bildet sich eine Traube von Männern um uns. Die wollen uns alle unbedingt helfen, können es aber nicht, weil das Gewinde im Pedalarm kaputt ist. Alle reden auf Uwe ein (ich als Frau werde ignoriert), der reagiert zunehmend gereizter, dicke Schweizperlen bilden sich auf seiner Stirn. Wir flüchten fast. Nun muss ich gehen. Auf gerader Strecke fahre auch mal mit, wobei ich krampfhaft mein linkes Bein abspreize. Das ist anstrengender als gedacht! Es beginnt zu regnen. Noch 20 km sind es bis zur nächsten Stadt (Hopa am Schwarzen Meer), dazwischen ist noch ein Pass. Wir beschließen, dass ich bis Hopa mit den Radtaschen den Bus nehmen soll und wir uns irgendwo im Zentrum wieder treffen. Kaum haben wir das überlegt, kommt schon ein Bus und nimmt mich mit. Ich leide in Gedanken mit Uwe, als ich in der Wärme sitzend die langen Serpentinen im Bus hochfahre. Plötzlich liegt das Meer weit unten wie auf einer Postkarte vor uns. Hopa ist eine sehr große Stadt, mindestens so groß wie Bayreuth. Ich bereue, keinen richtigen Treffpunkt mit Uwe vereinbart zu haben. Es gibt drei Hotels am Strand, ich lasse das Gepäck in einer Rezeption, und versuche dann das „Zentrum“ aufzusuchen, wo mich Uwe vermuten könnte.

Uwe radelt so schnell er kann, rast die Serpentinen zum Meer hinunter und ist nur 20 Minuten nach mir in der Stadt. Gleich am Stadtrand sieht er die in der Türkei üblichen Werkstätten. Für das Tandem braucht man spezielle Pedalarme, eine richtige Reparatur ist also hier ausgeschlossen, es muss etwas improvisiert werden. Man schickt Uwe zu einer Dreherei. Der Arbeiter dort schneidet Uwe ein neues, größeres Gewinde in den Pedalarm. Ein passender Vierkant wird rund gedreht, fertig. Nur schade, dass Uwe kein Geld zum Bezahlen einstecken hat, das habe nämlich ich. Er macht sich auf der Suche nach mir – und findet mich in dem großen Zentrum (zwei Märkte, drei Einkaufsstraßen, eine Fußgängerzone) auf Anhieb.

Nach dem Bezahlen der Reparatur essen wir sehr gut in einem Lokanta. Als wir uns nicht gleich entscheiden, was wir zu Essen nehmen wollen, stellte uns der Wirt einen „türkischen Teller“ zusammen, von jedem etwas.

Die Hotelpreise habe ich schon erfragt (50 L, 35 L, 20 L). Wir nehmen das teuerste Zimmer (25 €) mit Bad und Meerblick, das Tandem dürfen wir in die Rezeption stellen.

Wir unternehmen eine Stadtbummel und besuchen ein angesagtes „Cafe“ (es ist eine Bierbar) in der oberen Etage eines hohen Hauses am Strand. Von dort sehen wir, wie die Sonne mit einem herrlichen Abendrot über dem Meer untergeht.

Wir kaufen uns jeder eine Regenjacke (Original Adidas, ha ha). Ich witzle, dass es nun wahrscheinlich nicht mehr regnen wird im Urlaub – und sollte damit fast Recht behalten.

Ich wasche im Hotel unsere Wäsche. Lärm schallt die ganze Nacht von der Straße herauf, laute Lifemusik kommt aus dem Restaurant über uns, die Nachbarn sind laut und unser Telefon klingelt zweimal. Es zeigt sich wieder mal, dass man im eigenen Zelt in einer verborgenen Ecke viel besser schläft!

9.      Urlaubstag, 11.08.2009 (88 km)

 

Nach der lauten Nacht bekommen wir ein ordentliches Frühstück.

 

Die Fernverkehrsstraße Istanbul – Batumi führt uns an diesem Tag immer am Meer entlang mit ständigem Ausblick aufs Wasser. Die gut asphaltierte Straße ist vier- bis sechsspurig mit breitem Seitensteifen ausgebaut, so dass wir prima fahren können. Es herrscht nur wenig Verkehr.

Auf einem schönen Rastplatz am Meer kochen wir Kaffee und gehen baden. Wir kommen an kleinen Wasserfällen, malerischen Teehängen und kleinen Teefabriken vorbei. Schwarze Kormorane sitzen auf von Wasser umspülten Felsen, manche mit ausgebreiteten Flügeln, um ihr Gefieder zu trocknen.

Schon wieder höre ich ein verhasstes Klicken, eben ist die sechste Hinterradspeiche gerissen. Wir haben keine Ersatzspeichen mit, und es ist unwahrscheinlich, dass wir unterwegs die richtige Länge kaufen können. Wir fahren weiter in der Hoffnung, dass das Tandem bis Istanbul durchhält. Am linken Fuß dreht sich unter meiner Sandale mit Klickverschluss der Metallstab, statt auf einem Pedal festgehakt zu sein. Nach spätestens vier Umdrehungen muss ich den Fuß anheben und bei der Zehenspitze neu aufsetzen. Nach vier Umdrehungen ist der Metallstab bis zur Ferse gerollt, und das gleiche Spiel beginnt von vorn. Trotzdem lässt es sich einigermaßen gut fahren, besser ließ es sich wirklich nicht reparieren.

Ein starker Regenguss gibt uns die Gelegenheit, die neuen angeblich wasserdichten Regenjacken auszuprobieren. Nach wenigen Minuten sind wir nass, das Material saugt regelgerecht die Nässe auf. Bei einer Tankstelle wärmen wir uns mit Tee auf, der uns (kostenlos) gereicht wird.

Wir freuen uns, als wieder die Sonne scheint. Am Strand machen wir Rast. Tee und Fleischspieße werden aus einem umgebauten Bus verkauft. Uwe spielt mit einem Geschäftsmann Schach. Der Mann brüstet sich vorher ganz unbescheiden, dass er der Schachmeister der Region sei. Uwe setzt den Mann Matt. Der ärgert sich sehr und spielt mit Uwe so lange, bis er ihn besiegt. Inzwischen sind die Freunde des „Schachmeisters“ schon lange gegangen, ich habe 150 Seiten im Buch gelesen.

Es ist es schon wieder Zeit, einen Platz zum Zelten zu suchen. Den finden wir bei einem Dorfhafen neben einer ehemaligen Fischgaststätte. Der Besitzer freut sich über unseren Besuch. Ihm ist die Gaststätte abgebrannt, dann ist ihm seine Frau abgehauen. Er zeigt uns seine Fotos, weint und trinkt Raki, um sich zu trösten. Ich habe meine nassen Strümpfe auf die Leine gehängt. Mir ist peinlich, dass der Mann sie nimmt und sie für mich wäscht. Uns macht er etwas zu Essen und kocht Tee. Wir zeigen ihm unsere mitgebrachten Familienfotos. Dazwischen ist eins mit Uwes Mutter. Als Uwe sagt, dass sie schon gestorben ist, hat der Fischkoch wieder Tränen in den Augen. Es ist ein netter sensibler Mensch.

10.  Urlaubstag, 12.08.2009 (73 km)

Wir lassen dem Fischkoch ein Dankeschön da.

Bequem rollen wir die vierspurige Straße am Strand entlang. In einem Dorf essen wir neben einem Bäcker, wo riesige Weißbrotlaibe im Holzbackofen gebacken werden, ein zweites Frühstück. Uwe lässt sich von einem Handwerker ein 10 cm langes Stück Rohrleitung aus Plastik absägen. Er probiert, ob man das Teil über meine Ersatzpedale stecken kann. Die Folge davon ist, dass sich 15 Männer um ihn versammeln und ihm zur Seite stehen wollen. Das Prinzip mit der Rohrleitung funktioniert zwar (wir hatten es vorher schon mit einer leeren Flasche ausprobiert), ich muss meinen Fuß nicht mehr ständig heben. Aber nun heißt es sich laufend konzentrieren, um das Rohrstück nicht zu verlieren.

Wir radeln an zahllosen Teehängen vorbei, die Teefabriken gehören Cajkur.

Wir baden an einem schönen Sandstrand und sind alleine in der Bucht, bis eine türkische Familie kommt. Kinder und Männer gehen ausgelassen baden, die Frauen bleiben im Schatten sitzen.

Wir fahren durch mehrere Tünel, in denen wir jedes Mal hoffen, dass uns die Autofahrer nicht übersehen.

In einer größeren Stadt essen wir Mittag. Der Wirt betrachtet unser Tandem und vor allem das Ersatzpedal. „Die Rede“ kommt auf die gebrochenen Speichen. Der Wirt lässt uns zum Fahrradhändler bringen. Der speicht uns das Hinterrad in drei Stunden komplett neu ein. Da er nicht die richtige Speichenlänge vorrätig hat, bringt er die etwas längeren Speichen immer ein Loch weiter hinten an. In der Zwischenzeit gehen wir mehrmals in einem Lokal in der Nähe auf die Toilette. Der Gastwirt ist trotzdem (anders als in Deutschland) überaus freundlich. Als das Rad fertig gebaut ist, gehen wir dann doch noch bei ihm Abendbrotessen.

Ein paar Kilometer radeln wir noch, dann geht die Sonne unter. Wir fahren einen Kilometer von der Hauptstraße ab und zelten ruhig an einem Fluss neben Haselnusssträuchern.

11.  Urlaubstag, 13.08.2009 (84 km)

An der Teefabrik sehen wir zu, wie die Teeblätter mittels Gabelstapler und Förderband rein gebracht werden. Die Blätter sind glänzend und hart, sie riechen und schmecken gar nicht nach Tee. Ein Mitarbeiter erklärt uns, dass die Blätter unverarbeitet nicht aufgebrüht werden können.

Allmählich verlassen wir das Teeanbaugebiet. Nun wachsen auf den Hängen jenseits des Meeres Haselnüsse. Auf jeden verfügbaren Platz, auch Gehsteigen und Schulsportplätzen, werden die Nüsse getrocknet. Sie werden dabei mit Rechen und Schneeschaufeln gewendet. Das Gebirge links von uns ist hoch, bis über dreitausend Meter. Wir bleiben lieber unten und rollen mit mehr als zwanzig Kilometern pro Stund in die Großstadt Trabzon.

Die Silhouette Trabzons, hufeinsenförmig auf dem sonnigen Hang am Meer gelegen, ist beeindruckend. Ansonsten macht uns die aufstrebende lebhafte Stadt wenig an. Uns wird bewusst, wie wohl wir uns daheim in unserem kleinen fränkischen Dorf fühlen und wir überhaupt keine Stadtmenschen sind. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass wir unsere Pause im Park machen. Wir trinken Kaffee und unterhalten uns lange mit einem alten türkischen Mann, der mit seiner Familie in Deutschland lebt und können viel von der Mentalität der türkischen Menschen lernen. Die türkischen Menschen sind viel warmherziger als Deutsche und mehr an ihren Mitmenschen interessiert.

Immer nahe am Meer radeln wir die gut ausgebaute Fernverkehrsstraße entlang, vorbei an vielen kleinen Häfen.

Bei einer Bäckerei rasten wir und essen Eis. Und da der Besitzer in Deutschland lebt, müssen wir nichts zahlen und bekommen noch zwei riesige Fladenbrote mit. Der Mann erzählt uns, dass es nur noch wenig Fisch im Schwarzen Meer zu fangen gäbe. Als Grund nannte er die Straßenbaumaßnahmen.

An einem Strand mit kohlrabenschwarzen Sand (Zeltplatz) badeten und sonnten wir uns, Uwe spielte Volleyball.

Später zelten wir auf einer Wiese am Meer. Es sitzen dort auch zwei Männer in einem Zelt, deren Onkel gehört die Wiese, sie erlaubten uns das Zelten gern.

12.  Urlaubstag, 14.08.2009, 102 km in viereinhalb Stunden

Im Bäcker kaufen wir uns Cola. Uwe geht dort zum WC, um sich zu rasieren. Dabei rutscht er aus und verletzt sich am Arm. (Schürfwunde und Prellung)

Wieder fahren wir wunderbar am Strand entlang. Am Hafen leeren Fische ihre Netze und winken uns zu, ja locken uns sogar mit Kringel.

Vorbei radeln wir an Haselnusshängen und zahllosen Ständen, wo die Haselnüsse verkauft werden. Wir kaufen uns Haselnusscreme, welche sehr gut schmeckt. Spezielle Haselnussmaschinen dreschen die Haselnüsse in Lohnarbeit aus ihren Hüllblättern.

Am Strand, wo wir fast die einzigen Gäste sind, gehen wir baden und kochen uns Kartoffelbrei und Kaffee. Angenehm ist es, auf den heißen Steinen zu liegen.

Wir radeln an vielen kleinen Inseln vorbei, auf denen Kormorane leben. Durch viele Tünel kommen wir. Die Straße ist völlig überdimensioniert ausgebaut, es herrscht kaum Verkehr. In einem Lokal nehmen wir, was in den Töpfen ist (Reis und Bohnen) und bemerken erst später, dass wir die Grillware extra bestellt hätten müssen.

Am schönen Strand machen wir Badepause und fahren am Abend noch die 30 km bis Gioson. Hier gibt es schöne Sandstrände. In einem umgebauten Bus grillt man uns über offener Flamme Fleischspieße, die wir mit Salat in Fladenbrot eingewickelt serviert bekommen. Die Spieße sind so scharf (Chili), dass mir der Mund brennt. Uwe holt sich gleich noch einen Spieß. Bis zum Sonnenuntergang radeln wir. Dann zelten wir mit Genehmigung des Besitzers in einer wunderbaren Sandbucht und genießen nach einem abendlichen Bad das vorher gekaufte EFES-Bier.

13.  Urlaubstag, 15.08.2009, 78 km

 

Und wieder fahren wir herrlich am Meer entlang. Überall werden Haselnüsse getrocknet und gewendet. Wieder reißen zwei Speichen im Hinterrad. Ich verdränge es. Direkt vor dem Urlaub wurden die neuen Felgen frisch eingespeicht, wir haben die Rechnung noch nicht mal bezahlt.

Im Bäcker essen wir Kringel und trinken zwei Liter Pfirsichsaft.

In der 10 km langen Stadt Ordu kaufen wir uns Obst und machen lange Badepause am „Campingplatzstrand“, wo aber nur eine Familie campiert.

Auf einer neu gebauten vierspurigen Straße biegen wir vom Meer ab und radeln kürzen die Halbinsel nach Fatsa ab. Es geht 15 km leicht bergauf durch Haselnusswälder. Dann sausen wir durch fünf Tunnel abwärts, der längste ist knapp 4 km lang.

Kurz vor Fatsa, wirsind wieder am Meer, essen wir schön Abendbrot. Vor dem Restaurant grillt man unsere Köfte. Die geschlachteten Schafe hängen vor jedem Lokal im Kühlschrank, daraus macht jeder selbst seine Köfte. Ungefragt bekommen wir vom Wirt noch eine Nachspeise und Tee spendiert.

Unter dichten Haselnussbüschen finden wir neben einem Bach ein ruhiges Eckchen zum Zelten und schlafen gut.

14.  Urlaubstag, 16.08.2009 (97 km)

 

Das Hinterrad eiert immer schlimmer, dazu hat sich neu ein metallisches Geräusch gesellt. Wir kehren deshalb um und fahren zurück in das Städtchen Fatsa. Männer bei der Teestube helfen uns weiter und telefonieren den Fahrradmonteur herbei, es ist nämlich Sonntagmorgen 8 Uhr. Seine Fahrradweckstatt ist so klein, dass er erst mal was rausräumen muss, um rein zu kommen. Gebaut wird natürlich auf dem Gehweg.

Bald ist die ganze Familie versammelt. Ibrahim findet schnell den Fehler: Die Hohlachse im Hinterrad ist gebrochen. Leider hat er keine Achse für das Tandem, die Achsen für die normalen Fahrräder sind kürzer. Ibrahim will uns aber unbedingt helfen und bastelt schließlich irgendwas zusammen. Ein Nachbar meint mehrmals dazu: “Ibrahim, türkisch Ingenieur“. Ibrahim meint, wir sollen in 100 km in der nächsten großen Stadt die Achse wechseln lassen, d. h. uns bei einer Werkstatt eine anfertigen lassen. Ibrahim macht mit Uwe eine Probefahrt auf dem Tandem. Danach sagt er, wenn die Achse die nächsten 100 km hält, dann hält sie auch bis Istanbul.

Das Tandem fährt wieder super, denn „türkisch Ingenieur“ hat auch das Hinterrad zentriert und alles geölt.

In Ütje trinken wir an der Strandpromenade etwas und füttern die dicken Spatzen mit Sesamkringel. Wir sehen zwei Touristen. Es wird immer heißer, doch bald finden wir einen herrlichen menschenleeren Sandstrand. Ein Mofafahrer kommt und fragt uns, ob er uns etwas zu essen machen soll. Dann kommt eine türkische Familie an den Strand. Uwe ist es peinlich, weil wir den Sonnenschirm von irgendwem aufgespannt haben. Doch die Leute freuen sich und versorgen uns mit Essen und Trinken, und Uwe findet einen guten Schachgegner. (Schachbrett haben wir mit). Die kleine Tochter schreibt mir die Namen und das Alter aller Familienmitglieder in den Sand, ich muss dann dasselbe für sie tun.

Weiter radeln wir und werden wieder zum Tee eingeladen. Wir zelten vor der großen Stadt Carsamba ruhig am Maisfeld. Uwe tritt versehentlich in einen Kuhfladen und duscht sich mit eiskaltem Trinkwasser. (Eigentlich wollten wir kurz vorher ganz normales Wasser haben, aber der Mann ist extra nach hinten gerannt und hat uns eisgekühltes geholt.)

15.  Urlaubstag, 17.08.2009 (65 km)

Wir fahren durch ein großes Anbaugebiet für Gartenmärkte. Da werden Obstbäume, Sträucher und Blumen in Töpfen gezogen.

Samsun begrüßt uns mit viel Verkehr. In einer Tankstelle gehen wir auf Toilette und bekommen wie immer an den Tankstellen höflich kostenlos Tee gereicht.

Samsun ist eine Millionenstadt, wir fahren insgesamt 30 km durch die Stadt.

Am Meer befinden sich große Parkanlagen und ein 6 km langer Sandstrand, wo wir Baden gehen. Wir sehen uns auch den Bahnhof an. Dort fahren täglich nur fünf Züge ab.

Neu hat man eine ca. 30 m hohe Figur vom Stadtgründer Samsun errichtet, sie ist noch nicht ganz fertig. Seit dem Morgen fahren wir bei straffem Gegenwind, so macht Radeln keinen Spaß. Weil wir keine Lust mehr haben, gehen wir bei einem reichen Vorort an den Strand. Uwe spielt Volleyball, ich lese. Im Lokal bekommt Uwe abends das beliebte Backgammon-Spiel gelernt und spielt mit Jungendlichen Schach.

Wir zelten direkt im Wohngebiet auf einem unbebauten Grundstück am Strand unter einem wunderbaren Sternenhimmel.

16.  Urlaubstag, 18.08.2009 (87 km)

Erst ist ein roter Streifen über dem Meer zu sehen, dann geht die Sonne rot auf.

Nach einigen Kilometern Radeln frühstücken wir an einem Bäcker. Wir nehmen acht heiße Sesambrötchen, die zu einer Sonne zusammengefügt sind. Das Kaffeewasser gibt’s gratis dazu.

Der mittlere Gang des Tandems lässt sich nicht mehr schalten, drei Zähne sind stark verbogen. In Bafra ist eine Traktorwerkstatt, wo Uwe auf dem Schmiedeambos den Zahnkranz bestmöglich gerade hämmert. Beim Zusammenbau gibt es Probleme, aber die Männer helfen Uwe.

Nun endet unsere supergute Straße, sie wird schmal und sehr wellig. Wir haben starken Gegenwind. Dauernd überholen uns schwer mit Steinen beladene Laster, die uns fast von der Straße drängen.

Ein spanischer Radfahrer kommt uns entgegen. Er fährt im wahnsinnig schnellen Tempo, hält aber an. Keuchend erzählt er, dass er täglich höchstens 45 Kilometer fährt. Wir fahren im gemütlichen Tempo weiter.

Am Hafen von Yakakent ist ein herrlicher Sandstrand. Das Baden bei den starken Wellen macht großen Spaß. Auch Türkinnen baden, einige im knappen Bikini, andere völlig angezogen bis hin zum Kopftuch.

Wir fahren auf der fast fertigen, jedoch noch gesperrten neuen Straße am Meer. Doch nach 15 km jagt man uns ins Gebirge. In einem Dorf essen wir auf einem Balkon über dem Fluss Köfte, Paprika und Brot, alles gegrillt. Unter dem Balkon warten an seichten Stellen des Flusses große Hunde, dass man ihnen einen Happen zuwirft. Hier wäre ein guter Platz zum Zelten, einzig der Hunde wegen schieben wir noch einen Berg hinauf, bevor wir das Zelt auf einer Wiese aufstellen. Der Sternenhimmel mit der Milchstraße über uns ist gigantisch. Als dann der Gesang aus drei verschiedenen Moscheen leise aus den Tälern herauf klingt, ist das eine feierliche, fast heilige Stimmung.

17.  Urlaubstag, 19.08.2009 (103 km)

 

Am Morgen geht es weiter bergauf, 20 km. Endlich sehen wir die Halbinsel Gerze malerisch zu unseren Füßen liegen und rollen hinab. Wir baden fröhlich am Kieselstrand, wo es lauter platt gedrückte Steine gibt.

Die Halbinsel Sinop schenken wir uns und kürzen über eine Gebirgsstraße ab. Ein Mann, der in Deutschland gearbeitet hat und deshalb deutsch kann, warnt uns: „Die Straße ist sehr schräg.“ Die Straße ist gut geteert, kaum befahren, führt durch dichte Wälder, malerische Ansiedlungen mit rustikalen Holzhäusern, hat schöne Ausblicke, viel leuchtenden Sanddorn. In den Wäldern sind überall kleine Grabstätten ohne Zaun, wo die Anwohner ihre Verwanden begraben. Aber die Straße ist halt schräg, bergig. Zum Schluss gibt es eine schöne kilometerlange Abfahrt. Wir überholen einen LKW. Im Dorf staunt man nicht schlecht, als wir mit dem Tandem ankommen. Man schenkt uns Nüsse. Nach 70 km haben wir hier wieder eine Einkaufsmöglichkeit.

Wir zelten im Auwald eines Flusstals bei Ayancik. Heute sind wir 103 Kilometer in 7:36 h geradelt. Was haben wir geschwitzt!

18.  Urlaubstag, 20.08.2009 (78 km)

Obwohl wir uns nur 10 m parallel zur Küste bewegen, fahren wir in einem richtigen Gebirge. Die Abfahrt nach Türkeli ist wunderbar flach und lang, wir rasen fast 80 km/h. Uwe gefällt der Ortsname Türkeli. Am Strand beim Hafen ist eine schattige Sitzgruppe, dort zieht Uwe eine Wäscheleine. Ich wasche unsere Sachen an der Pumpe. Da ich keine Schüssel habe, nehme ich einen Plastikbeutel. Während wir uns beschäftigen mit Baden, Lesen und Essen, trocknen unsere Sachen. Wir können frisch gewaschen, frisch bekleidet und rasiert weiter fahren.

Bei großer Hitze schieben wir 500 Höhenmeter aufwärts. Ein alter Mann bietet uns Sauermilch an. Wir müssen über eine frisch asphaltierte heiße Straße. Die obere neu aufgebrachte dünne Schicht kann sich gleich mit der unteren von der Hitze aufgeweichten Schicht verbinden. Endlich erreichen wir das Bergdorf. Alle männlichen Einwohner sitzen vor der Teestube und verfolgen unsere Einfahrt zur Bergprämie, die sie uns in Form von Tee aushändigen.

Es gibt nur ein Essen, was wir lernten, in der Türkei zu meiden: Toast und Hamburger. Toast und Hamburger schmecken uns schon in Deutschland nicht besonders gut, aber in der Türkei sind sie furchtbar. Nach dem schlechten Snack am Strand gingen wir gleich anschließend ordentlich essen in Abana.

8 km vor Inebolu stellen wir unser Zelt am schönen Sandstrand auf der Terrasse des ehemaligen Badehäuschens auf. Uwe gelingt es, die Wasserleitung zu reaktivieren, so dass wir Zimmer mit Meerblick und fließendem Wasser haben. Rot geht die Sonne unter, dann gehe ich noch mal baden. Laut schlagen die großen Wellen an den Strand, trotzdem können wir gut einschlafen.

19.  Urlaubstag, 21.08.2009 (92 km)

Wir frühstücken am Strand, für heißen Kaffee reicht unser Benzin leider nicht.

Herrlich radeln wir am Meer entlang, Aufstiege wechseln sich mit steilen Abfahrten ab, immer wieder haben wir wundervolle Ausblicke aufs Wasser. Feigenbäume und Lorbeerbüsche schicken uns ihre Duftwolken entgegen. Oft sind wir nur 15 Meter vom Wasser entfernt, aber 200 m höher. Wo das Wasser weiter ins Land reicht, also eine Bucht geschaffen hat, müssen wir weite Umfahrungen machen. Um Luftlinie 500 Meter zu überwinden, fahren wir halt 3 km. Die „Schnippen“ nerven, man hat das Gefühl, kaum vorwärts zu kommen.

Endlich erreichen wir die Stadt Dogonyurt, wo lebhafter Wochenmarkt abgehalten wird. In jedem halbwegs größeren Ort gibt es einmal wöchentlich einen Markt, türkisch "pazar". In großen Städten hat jeder Stadtteil seinen eigenen Markt. Ein Besuch lohnt in jedem Falle, alleine schon die quirlige, bunte, mediterrane Atmosphäre ist überwältigend! Es erwartet einen immer ein reiches Warenangebot, sehr frisch und sehr billig. In der Türkei werden fast alle Obst- und Gemüsesorten angebaut, die Märkte spiegeln diesen Reichtum wieder: Von den schönsten Pfirsichen über reife Granatäpfel und kindskopfgroße Melonen bis zu blauen Feigen und frischen Haselnüssen findet man je nach Saison alles, was das Herz begehrt, vom Gemüse ganz zu schweigen. Es gibt auch Käsestände, Oliven in allen Variationen, Eier, Honig, einfach alles. Für uns Selbstversorger ist der Markt natürlich besonders interessant, zwar lassen sich alle frischen Sachen auch problemlos im Supermarkt Marke "Migros" etc. erstehen, aber die Qualität sowie der Preis ist hier wesentlich schlechter und fast schon vergleichbar mit dem unreif geernteten und geschmacklos bleibenden Obst und Gemüse im deutschen Supermarkt. Schließlich muss Migros seine Waren auch vom Großhändler einkaufen und zwischenlagern, dies wirkt sich natürlich auf die Frische der Produkte aus. Weiterhin haben die meisten Wochenmärkte zusätzlich Non-Food Produkte, sinnvolle und weniger sinnvolle Souvenirs, Kleidung, Schuhe, Werkzeug, Fahrradersatzteile und so weiter.

Weil heute der Ramadan begonnen hat, bekommen wir in keinem Lokal etwas zu essen und verspeisen die auf dem Markt gekauften Lebensmittel auf einer ruhigen Bank. Im Ort treffen wir zum vierten Mal denselben Motorradfahrer. Er fährt auch nach Istanbul.

Ein Schild kündigt eine 62 km lange Baustelle an. Wir schieben über eine weiße staubige Schotterstraße bei Hitze steil bergauf, die nach einigen Kilometern in groben Kies übergeht. Es ist eine Tortur!

In Ilyasbey ist der schöne Kiesstrand menschenleer, Baden ist im Ramadan nämlich auch nicht erlaubt. Nach dem Baden werden wir von dem Mann, vor dessen Haus wir unser Tandem abgestellt haben, zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Er selber isst nichts.

Ein offenes Lokal ist auch nicht in Akbayr zu finden, doch der Ladenbesitzer kocht uns (kostenlos) eine große Kanne Tee und besorgt uns Benzin für unseren Kocher.

Wir sind schon erschöpft, machen aber noch zweimal 300 Höhenmeter und kommen durch ein kleines Dorf. Mit Einsatz der Dämmerung singt der Imman dort mit ersterbender Stimme, das Fasten und vor allem das Dursten an diesem heißen Tag hat ihn wohl arg mitgenommen. Dann bauen wir unser Zelt auf einer Wiese dicht oberhalb eines Dorfes auf.

Landschaftlich war heute die Fahrt wunderbar, vor allem die Ausblicke auf das Meer, die Klippen, Strände und die süßen Feigen. Das Wetter war wunderbar, der Verkehr wenig. Aber es war auch sehr anstrengend. Schieben wechselte sich mit steilen Abfahrten ab, und der Straßenbelag war sehr schlecht (grober Rollsplitt).

20.  Urlaubstag, 22.08.2009 (68 km)

Es geht genauso anstrengend weiter wie am Vortag, und das noch ohne Kaffee, denn der Benzinkocher ist kaputt. Wir schieben über staubigen großkörnigen Splitt aufwärts und nehmen vorsichtig die steilen Abfahrten. Es geht an der Küste hin und her. Dorfbewohner („Ich gearbeitet habe in Deutschland.“) schenken uns Äpfel.

Nach dreieinhalb Stunden haben wir 30 km geschafft. Cide liegt zu unseren Füßen, ein nettes Städtchen am herrlichen Sandstrand. Tote Hose ist in der Stadt, der Ramadan bringt das ganze öffentliche Leben zum Erliegen.

Ein Wirt schmeißt den Holzofengrill im Restaurant an, um uns Dürüm zu machen.

Wir baden am breiten Sandstrand ganz einsam. Acht Kilometer führt die Straße eben am Strand, das ist eine Wohltat nach all dem Auf und Ab. Wir schauen Bootsbauern zu, die ein 22 m langes Eichenholzboot in Handarbeit fertigen. Sie erzählen, dass heute schon zwei Radfahrer vorbei gekommen wären.

Nun geht es wieder steil bergauf und bergab. Zwei Kilometer vor Kurucasili kommen wir in ein kleines Fischerdorf, das in einer malerischen Sandbucht liegt. Wir sitzen am Strand und betrachten den Sonnenuntergang. Die Wirtin des nahen Hotels kommt und schenkt uns warme Blätterteigpastete. Eine Deutsch-Türkin zeigt uns in einem Verschlag das fast fertige Holzboot ihres Cousins. Im Dorf leben viele Holzbootbauer, sie haben das Handwerk von ihren Verwandten gelernt. Die Boote werden gleich vor Ort ins Wasser gelassen. Im Hotel sind wir die einzigen Gäste und essen gefüllte Paprikaschoten zum Abendbrot. Wie von der Türkin empfohlen, zelten wir mitten im Ort am Strand. Um das Tandem anzulehnen, borgen wir uns ein Holzbock vom Bootsbauer. Wir schlafen gut unter dem Sternenzelt ein. Nur leise hören wir das Gemurmel aus den Teestuben, denn es wird vom Rauschen der Wellen überdeckt.

21.  Urlaubstag, 23.08.2009 (40 km)

Wir frühstücken in der Morgensonne nach dem ersten Anstieg an einem Brunnen. Der Strand, an dem wir übernachtet hatten, liegt da schon 150 m unter uns. Wieder geht es auf Schotter auf und ab. Wir kommen nur langsam voran und haben das Radfahren ein bisschen satt. Wir fassen den Entschluss, Istanbul nicht allein per Rad zu erreichen, sondern zum Schluss den Bus zu nehmen. Mehrere Busse fahren täglich nach Istanbul. Wir glauben, dass die freundlichen Türken, die stets versuchen alles möglich zu machen, irgendwie das lange Tandem im Bus mitnehmen werden. Nach dieser Entscheidung ist der Druck genommen. Wir können die Landschaft wieder richtig genießen.

Nach 30 km erreichen wir Kalayci, ein kleines Dorf. Dort erzählt man uns („Ich habe in Deutschland gearbeitet.“), dass Mittag zwei spanische Radfahrer vorbei gekommen wären.

Der kleine breite Sandstrand befindet sich 2,5 km außerhalb und ist allerliebst. Es blühen hunderte weiße Strandlilien, im Fluss schwimmt eine Schlange und große Fische, hölzerne Fischerboote liegen am Strand. Die Bucht ist von Felsen gesäumt. Wir haben Spaß beim Baden, denn es herrscht hoher Wellengang mit Gicht. Es sind nur wenige Leute am Strand, es gibt einen Trinkwasserbrunnen und eine saubere Toilette.

Wir bauen unser Zelt so auf, dass es vor Blicken geschützt hinter Felsen steht. Dann genießen wir unseren Badeurlaub. Abends brät uns der Wirt einer Teestube im Dorf eine Knoblauchwurst und drei Eier, die wir nebenan gekauft haben. Nachts schlafen wir herrlich beim Rauschen der Wellen.

22.  Urlaubstag, 24.08.2009 (25 km)

Ich nehme ein Morgenbad und spaziere herum. Uwe schläft, bis die Sonne das Zelt so sehr aufgewärmt hat, dass ihn die Hitze hinaustreibt. Es stimmt also nicht, dass Uwe im Urlaub nie ausschlafen darf!

Den Tag vertrödeln wir mit Baden, Sonnen und Lesen. Der Wind nimmt zu und wird zum Sandsturm. Wir müssen das Zelt abbauen, weil sich das Gestänge bedrohlich biegt.

17 Uhr brechen wir auf und haben erst mal 10 km zu Schieben. Nach 15 km Fahren erreichen wir mit einsetzender Dämmerung beim Abendruf des Imam Amasra. Von oben auf dem Berg sieht die Stadt herrlich aus. In einer natürlichen Bucht liegt der Hafen, die Stadt erstreckt sich über eine Halbinsel und einer Insel, die mit einer Brücke verbunden sind und ist bunt beleuchtet. Amaras ist von einer historischen Stadtmauer umgeben. Zunächst ist die Stadt menschenleer. Alle essen, was ja erst nach dem Ruf des Imam erlaubt ist. Wir kehren in einem noblen Fischrestaurant ein, futtern 16 Makrelen, den kunstvoll angerichteten Salat und Pommes (25 L =12 €). Dann kommt Leben ins Hafenviertel. Amasra ist nämlich Urlaubsort der Istanbuler, obwohl während des Ramadan wenig Touristen da sind. Wir schlendern herum und lernen die zwei spanischen Radfahrer kennen, von denen wir unterwegs hörten.

In der Hafenbar trinken wir ein Bier. Dann stellen wir unser Zelt zu den anderen fünf Zelten auf dem öffentlichen Sandstrand auf. Unglaublich, dass man mitten in der Stadt kostenlos Zelten darf!

23.  Urlaubstag, 25.08.2009

Wir nutzen das Frühstücksbuffet im 5. Stock eines Hotels am Strand (zusammen 14 L = 7 €), von wo wir einen schönen Blick aufs Meer haben. Wir machen Ruhetag in Amasra, besichtigen die Altstadt, gehen bummeln und zum Frisör, besuchen den Markt, gehen baden und in einem Fischrestaurant am alten Hafen gut essen.

24.  Urlaubstag, 26.08.2009

Wir bleiben noch einen Tag in Amasra, baden, sonnen und lesen. Wir spazieren zum Leuchtturm an der Hafenmauer entlang, wo etwa 50 Angler stehen. Die meisten haben nur ein paar fingergroße Fischchen in ihren Joghurteimern. Wir setzten uns zwei Minuten neben einen Angler. Der hatte gleich mehrere Haken an seiner Leine. Mit warf sie mit Schwung weit aus und zog sie gleich danach mit drei großen Makrelen ans Land. Da kamen selbst die anderen Angler staunend herbei.

Abends genossen wir bei Mondenschein türkische Lifemusik mit einem versierten Gitarrenspieler.

25.  Urlaubstag, 27.08.2009 (20 km)

Am Strand sind Duschen, und weil vor 10 Uhr ist kein Bademeister erscheint, können wir nach dem Morgenbad kostenfrei unser Salzwasser loswerden. Die Freiluftgaststätte ist auch noch geschlossen, die Tische davor nutzen wir für unser Frühstück. Frische Kringel kaufe ich von dem Mann, der mit seinem Verkaufswägelchen vorbeikommt. Wir bauen unser Zelt ab, packen alles auf unser Tandem und radeln los.

Nach 8 km Bergauffahrt liegt Amasra malerisch zu unseren Füßen. Nun geht es nur noch bergab nach Bartin. Unterwegs halten wir an einer Teestube. Davor sitzen schwatzend die Männer, haben jedoch wegen dem Ramadan keinen Tee vor sich. Uwe holt heißes Kaffeewasser vom Wirt. Wir fühlen uns unbehaglich, als einzige was zu trinken, obwohl uns viele Türken versichert haben, dass das für sie kein Problem ist und bei Touristen toleriert wird.

Am kleinen Busbahnhof kaufen wir uns Tickets für den Bus nach Istanbul. Eine Person kostet 30 L, das Rad nichts. Wir sind überrascht, dass wir dann in einen leeren Kleinbus einsteigen sollen. Der deutschsprechende Fahrer fährt uns nämlich erst zu dem richtig großen Busbahnhof und wartet mit uns 40 Minuten, bis der große Bus kommt. Wir sind ganz aufgeregt, da wir nicht wissen, ob das Tandem tatsächlich in den Bus passt. Übermorgen geht unser Flug, die 420 km bis Istanbul sind nun nicht mehr per Rad zu schaffen.

Plötzlich steht der Bus mit Schild „Istanbul“ da. Es besteht keine Möglichkeit, das Rad innen in den Fahrgastraum zu heben, auch hat das Gepäckfach unten zu kleine Fächer. Geht es quer? Wir halten das Tandem hinter den Bus, es ist haargenau so lang, wie der Bus breit ist. Aber wie immer sind die Türken freundlich und wollen es unbedingt probieren. Fünf Fahrer verschiedener Busse in weißen Hemden und Uwe hieven das Tandem mit großer Anstrengung in ein Fach, welches eigentlich die Getränke beherbergt. Das Fach ist wie für unser Rad geschaffen, denn in Breite, Höhe und Länge sind nur noch wenige Millimeter Luft, als das Tandem darinnen verstaut ist. Alle schwitzen und lachen, als die Klappen zu gehen. Doch dann wird bemerkt, dass es der falsche Bus ist. Der fährt später für ein anderes Unternehmen nach Istanbul. Das ist ein Auf und Ab der Gefühle! Die Busunternehmen konkurrieren untereinander stark und kämpfen um jeden Kunden, unterhalten in vielen Dörfern extra eigene Büros. Trotzdem begegnet man sich freundschaftlich. Jedenfalls dauert es sicht lange, „no problem“, man schreibt unsere Tickets um, und wir bekommen Plätze für den Bus, in dem schon unser Tandem ist.

Die siebenstündige Fahrt verläuft sehr angenehm. Service wird groß geschrieben. Wir haben Liegesessel mit viel Platz, Klimaanlage (draußen sind 30°), Fernseher, WC, Radio mit Kopfhörer. Ständig werden kostenlose Getränke angeboten, sogar gratis Kuchen und Kaffe ausgeteilt und zwei Pausen zum Füße vertreten eingelegt.

18.30 Uhr kommen wir irgendwo in Istanbul in der Pampa an. Da gibt es nicht mal Busse. Ein Hotel soll 5 km weit weg sein. Wir stürzen uns in den unbeschreiblichen Verkehr der Millionenstadt. Ich habe große Angst, angefahren zu werden. Schon dämmert es. Es gibt nur ein Hotel, das ist ein 40 m hoher Prachtbau. Nach dem Preis brauchen wir dort nicht zu fragen, der ist sowieso zu hoch. Wir fragen nach anderen Hotels. Man schickt uns immer mehr ins Zentrum. Damit werden auch Stellen, wo man möglicherweise ein Zelt aufstellen könnte, rarer. Wir fragen an einem Haus mit Garten, ob wir da vielleicht zelten dürfen. Der Mann weist uns zu einem Kinderspielplatz. Dort ist kein Mensch zu sehen. Vor dem Spielplatz verläuft ein verwaister Fußweg, dahinter ist ein glatt betonierter Platz, so groß wie zwei Fußballfelder, mit 3 m hohen Fahnenstangen. Es gibt dort zwar Lampen, aber die sind aus. Wir glauben, dass wir hier ungestört zelten können. Es ist 20 Uhr. Wir wollen noch etwas essen und fahren einen Kilometer bis zu einem Lokanta. Dort bleiben wir bis Ladenschluss. Wir haben eine angenehme Bettschwere und werden schnell unser Zelt aufbauen und gleich schlafen, die Zähne haben wir schon im Lokal geputzt. Aber was sehen wir, als wir zu „unserem“ Spielplatz kommen? Zig Kinder tummeln sich dort, mehr als eins pro Quadratmeter. Wo in Deutschland die Kinder ins Bett gehen, fangen die erst mal richtig an zu spielen! Auf dem betonierten Platz fährt man Rad und spielt Ball, flirten die Jungs mit den Mädchen usw. Inzwischen sind die Scheinwerfer an. Wir sind entsetzt. Wir sind mitten in einer Großstadt ohne Hotels, vielleicht 3 km vom Bosporus entfernt. Das Fahren auf den dunklen Straßen ist lebensgefährlich. Was sollen wir jetzt machen?

Schließlich sehen wir in der Nähe eine dunkle Einfahrt und radeln einfach rein. Da ist ein Platz mit ein paar Autos, in der Mitte des Platzes steht ein großer Feigenbaum. Unter dem Baum wäre grade Platz für ein Zelt. Haben wir in der (Stadt-) Wüste eine (Zelt-) Oase gefunden? Da stehen noch einige verfallene Schuppen, darin hausen arme Gemüsehändler. Sie haben nichts gegen unser Zelten, bieten Tee an und zeigen Uwe, wo er seine Füße waschen kann. Dazu führen sie ihn zu einem Wasseranschluss, so dick wie ein Feuerwehrschlauch. Sie zeigen Uwe auch, wie man ihn bedient. Bei der Aktion wird Uwe ungewollt nass, als da mal schnell 100 Liter rausschwappen, aber seine Füße sind dann moslemrein. Einen Wachhund haben wir auch. Wir lesen die vielen Feigen weg. Wenig später stehen das Zelt und das Tandem so verborgen unter dem Feigenbaum, dass die meisten Leute, die ganz nahe vorüber gehen, uns nicht bemerken. Es ist aber nicht romantisch. Es ist staubig, und der Großstadtlärm ebbt bis zum Morgen nicht ab. Von dem Wasseranschluss holen die ganze Nacht über Tankwagen Wasser. 4 Uhr muss Uwe austreten. Da bemerkt ihn ein Mann, der mit einem wackligen Handwagen ein Fass mit 50 l Wasser holt. Er schimpft und droht mit Polizei. Uwe beruhigt ihn und hilft ihm, das Wasser zu dem betonierten Platz zu transportieren, bei dem wir abends fast zelten wollten. Ich bin froh, als Uwe von seinem nächtlichen Ausflug zurück kommt und frage ihn, was der Mann mit dem Wasser wolle. Uwe mutmaßt, dass er mit anderen Leuten den Platz sauber schrubbt. Irgendwie ist das nicht zu verstehen.

26.  Urlaubstag, 28.8.2009 (57 km)

Am Morgen radeln wir wieder an dem betonierten Platz vorbei und erkennen seinen Zweck: Es ist eine riesiger Markplatz. Eben werden überall die Stände aufgebaut, an den „Fahnenstangen“ schattenspendende Planen verzurrt. In einem Bistro frühstücken wir und erreichen nach wenigen Kilometern das Marmara Meer unweit vom Bosporus. Wir sind am Hafen von Kadiköy, wo minütlich Fähren ablegen, die nach der europäischen Seite, ins Mittelmeer, auf die nahen Inseln oder in den Bosporus fahren. Die Schiffe fahren in unterschiedlicher Richtung weg, der Schiffsverkehr ist so dicht, dass es jeden Moment zu Zusammenstößen kommen müsste. Wir beobachten bei Kaffee und Eis im Cafe des Heißluftballons die Schiffe, die nach für uns nicht ersichtlichen Regeln fahren und dann doch nicht zusammenstoßen. Am Hafen wird ein Film gedreht, irgendeine Seifenoper. Die Schauspieler sind wie in einem deutschen Modemagazin gekleidet und passen gar nicht ins Ambiente. Vielleicht denkt der Regisseur, er müsste paar echte Touristen aufs Bild bringen. Jedenfalls bittet man uns, wir sollen doch mitspielen und mit unserem Tandem an der Hafenmauer entlanglaufen. Da machen wir das halt und hauen dann schnell ab.

Wir radeln ostwärts am Strand entlang, weil der Flughafen östlich liegt, von dem wir morgen 4 Uhr abfliegen werden. Wir fahren auf kleinen Wohngebietsstraßen. Später beginnt ein ganz neu angelegter glatt betonierter Radweg, der entlang des Strandes führt. Das Häusermeer beginnt erst 100 m hinter dem Strand, auf dem Grünstreifen dazwischen verläuft dieser Radweg. Es gibt Lokale und Spielplätze mit Fitnessgeräten für Erwachsene, viele Bänke, auch Toilettenanlagen usw. Nach 40 Kilometern angenehmer Fahrt müssen wir Richtung Norden abbiegen, da wir uns schon in der Einflugschneise des Flughafens befinden. Wir finden aber die richtige Straße nicht und irren ein wenig umher. Ein Mann mit einem klapprigen Fahrrad verfolgt uns aufdringlich, um uns irgendwohin zu weisen, wo wir gar nicht hinwollen. Uwe will den Mann loshaben und fährt ganz schnell. Beim Fahren eine enge Kurve stürzen wir deshalb, ziehen uns aber nur Schürfwunden zu. Wir finden jedenfalls den richtigen Weg nicht und müssen den Hinweisschildern Richtung Flughafen folgen. So geschieht es wie im Vorjahr: Wir gelangen auf die Autobahn. Dummerweise dunkelt es, das Fahren im Dunkeln wollten wir eigentlich vermeiden. Auf der Gegenfahrbahn der Autobahn kommen uns vier Rennradfahrer entgegen. Was die können, können wir auch. Aber es ist sehr gefährlich, wie die Autos an uns vorbei zischen. Wir überstehen auch diese Autobahnfahrt unbeschadet und kommen heil beim Flugplatz an.

Ich gehe herum, um ein paar Kartons oder Pappe zum Einpacken des Tandems zu finden. Vielleicht Pappe, die ein ankommender Radfahrer entsorgt hat. Es ist aber nichts zu finden, der ganze Flughafen ist sauber wie geleckt, man findet da nicht mal ein Streichholz. Überall schwirren Reinigungskräfte herum. Uwe will die Pedale abschrauben, die eine will nicht abgehen. Uwe bricht sogar noch die Zange eines spanischen Radfahrers kaputt. Die Spanier fragen, wie wir das Tandem einpacken wollen, wir sagen selbstbewusst: „Überhaupt nicht.“ Uwe glaubt, dass man ein unverpacktes, d. h. als Fahrrad erkenntliches Gepäckstück sorgfältiger behandeln wird, als einen großen Karton, auf den man alles draufschmeißen kann. Da mag er ja Recht haben, die Frage ist nur, ob man uns das Tandem unverpackt abnimmt. Im Internet gibt es eine extra Homepage zur Frage: „Wie man Fahrräder mit dem Flieger transportiert“. Die Grundaussage ist, überall und bei jeder Fluggesellschaft sind die Bestimmungen anders. Das geht vom unverpackten Fahrrad über Fahrradkoffer bis zum speziellen (teuren) Fahrradkarton, die man am Flughafenschalter kaufen muss. Aber dass man die Pedale abschrauben muss, steht überall. Na ja, vielleicht merken sie gar nicht, dass wir noch eine dran haben. Wie die Leute schauen, wie wir uns mit unserem „kleinen“ Gepäck am Schalter anstehen! Die Angestellte ruft erstaunt: „That’s big! O, it’s for 2!“ Sie sagt „ok“ und bedeutet uns, das Rad einfach stehen zu lassen, es würde abgeholt werden. Wir warten aber trotzdem, bis der Gepäckträger kommt und fröhlich mit unserem Tandem weggeht.

27.  Urlaubstag, 29.8.2009 (7 km)

Wir sind froh, als wir Stunden später das Tandem und all unsere Fahrradtaschen in Frankfurt ohne weitere Schäden wieder bekommen.

Wir kaufen uns am Frankfurter Bahnhof ein Wochenendticket und fahren ohne Schwierigkeiten mit zweimal Umsteigen mit dem Zug nach Neuenmarkt. Die letzten 7 km auf dem Tandem hoch nach Cottenau schaffen wir auch noch.

 

 

 
Sie sind hier: Allgemein | Radtouren | 2009